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The eye of the needle

Schon früh habe ich von meiner Großmutter und Mutter gelernt, wie ich einen Faden durch „The eye of the needel“, zu deutsch ein Nadelöhr hindurchziehe. Aber wie sieht es mit den wiederkehrenden Öhren aus, die ich auf meinem Lebensweg zu durchschreiten habe? Denn auch im Leben sind wir immer wieder aufgefordert, den Weg durch ein (Nadel-)Öhr zu finden, nämlich immer dann, wenn wir eine Veränderung initiieren und erreichen möchten.

Dealing with a needle and thread

Vergleiche ich mein Leben mit einer Näharbeit, so lassen sich die von mir genähten Nähte im übertragenen Sinne mit den von mir gewählten Lebenswegen gleichsetzten. Betrachte ich wiederum nur die Nähte auf meiner Arbeit, stelle ich fest, dass sich diese aus mehreren Fäden zusammensetzen. Besonders ersichtlich wird es da, wo ich mit der Hand nähe.

Denn dort wird erkennbar, dass der wiederkehrende Fadenwechsel zum Nähen dazugehört. Will ich mit Nadel und Faden weiternähen, muss jeder neue Faden durch ein Nadelöhr gezogen werden! Wer jetzt einwendet, dass man auch mit EINEM langen Faden nähen kann, der hat (so behaupte ich) noch nie am eigene Leibe erfahren, dass ein zu langer Fäden recht schnell eine knotige Angelegenheit werden kann.

Das Tolle am Fadenwechsel ist, dass ich jedes Mal auf neue Material, Farbe und Länge eines Fadens wählen kann. Ich wähle, wie meine Näharbeit aussehen soll.

Off through the eye of the needle

So weit, so gut! Wir sind beim Nähen also aufgefordert, den Faden des Öfteren durch ein Öhr zu fädeln. Das bedeutet: Faden ablecken, sodass das Ende (oder der neue Anfang) eine Spitze bildet, die dann leichter durch das Öhr geschoben werden kann. Funktioniert fasst immer, selbst wenn dafür eine Brille oder Einfädelhilfe benötigt wird. Gleiches gilt für unseren Lebensweg und seine Gestaltung.

Doch bleiben wir mal bei dem bildlichen Vergleich. Wenn der Faden für den nächsten Nähabschnitt immer wieder neu eingefädelt werden muss, so sollte – um auf meinem Lebensweg voranzukommen – doch ein mich ablecken reichen, um einen neuen Lebensabschnitt einzufädeln. 🤔

Zugegebenermaßen wird die Sprache etwas merkwürdig, wenn ich diesen Vergleich bildlich fortsetzte, doch letztendlich bleibt es stimmig. Denn so wie das Ablecken des Fadens das ausgefranste Fadenende verschlankt und zu einem klaren Fadenanfang macht, so müssen auch wir unsere ausgefransten inneren Anteile zunächst einmal sammeln und uns sinnbildlich verschlanken, bevor wir ein Öhr zum nächsten Lebensabschnitt durchschreiten können.

Slim down and go on

Verschlanken oder auch slim down heißt hier, den Fokus richten. Den Blick schärfen und uns vertrauensvoll auf das Unbekannte hinter dem Öhr konzentrieren. Verschlanken im Sinne von Ballast loslassen, Beziehungen beenden oder auch neu beginnen, den Wohnort wechseln, Gewicht verlieren, den Job wechseln u. v. m. Es bedeutet jedoch immer: Sich entweder auf etwas richtig einlassen oder eben wahrhaftig zu verabschieden.

Bevor wir den Faden durch das Öhr ziehen, haben wir immer die Wahl. Welcher Faden passt zum nächsten Nahtabschnitt? Welche Stärke hat die Nadel und damit verbunden, welche Größe das Öhr? Welche Farbe soll der Faden haben? Soll die Naht dezent und zurückhaltend sein oder sichtbar, vielleicht sogar unübersehbar?

All dies sind Entscheidungen, die uns in unserem Vertrauen herausfordern. Das Kind, das zum Ersten mal einen Faden eingefädelt hat, wird stolz sein. Zu Recht, denn ganz so einfach ist es manchmal tatsächlich nicht. Doch je öfter das Kind einen Faden eingefädelt hat, desto mehr Vertrauen entwickelt es in sein Können. Vielleicht hat es sogar bald Freude, immer kleinerer Nadelöhre für seine Fäden zu wählen.

Free motion sewing

Genauso viel Freude können wir entwickeln, wenn es um das Einfädeln neue Lebensabschnitte geht. Sei es, weil ein Faden bzw. ein Lebensabschnitt zu Ende oder vorzeitig gerissen ist oder sich Knoten gebildet haben.

Das Schöne daran ist, dass wir Menschen frei in der Art und Weise sind, wie wir unsere Näharbeit gestalten. Dass wir unser Leben selbstbestimmt (mit)gestalten, selbst wenn wir für manches Öhr viele Versuche benötigen. Die Frage ist ja, wie wir damit umgehen? Geben wir auf und beenden unsere Näharbeit? Oder sammeln wir unsere Aufmerksamkeit, verschlanken unseren Faden, so das sich eine gute Spitze bildet, fokussieren das Öhr und machen so lange weiter, bis der Faden durch das Öhr gezogen werden kann?

Ich für mich kann sagen, dass ich gerne Fäden einfädeln. Ebenso gern, wie ich mein Leben immer wieder auf neue und eventuell erfüllender Abschnitte hin überprüfe.

Denn auch das ist klar. Wir alle durchschreiten täglich „The eye of the needle“ und sind darin allesamt Meisterinnen und Meister.

Doch viel zu oft greifen wir einfach IRGENDEINEN Faden in IRGENDEINEM Material in IRGENDEINER Farbe und nähen mit IRGENDWELCHEN Stichen IRGENDEINE Naht.

Frei nach dem Motto:

Wird schon IRGENDWIE IRGENDWAS draus werden!

Möglich, dass Dir Deine Näharbeit am Ende irgendwie gefallen wird, nur entspricht sie Deinem wahrhaftigen Wunsch?

Herzliche Grüße, Sabine

P.S.: Über Kommentare zu meinen Beiträgen freue ich mich immer sehr.

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